Saaner Gemeinderat: erste Gemeindepräsidentin und drei neue Gesichter
29.10.2024 PolitikSaanen hat gewählt: Bei einer Wahlbeteiligung von rund 50 Prozent haben die Stimmberechtigten Petra Schläppi als Gemeindepräsidentin gewählt sowie fünf bisherige und drei neue Gemeinderäte. Hans Schär wird künftig die Gemeindeversammlung ...
Saanen hat gewählt: Bei einer Wahlbeteiligung von rund 50 Prozent haben die Stimmberechtigten Petra Schläppi als Gemeindepräsidentin gewählt sowie fünf bisherige und drei neue Gemeinderäte. Hans Schär wird künftig die Gemeindeversammlung präsidieren.
JOCELYNE PAGE
Saanen hat erstmals in seiner Geschichte eine Gemeindepräsidentin: Petra Schläppi (SVP, 980 Stimmen) hat sich gegen ihre Konkurrenten David Schmid (FDP, 704 Stimmen) und Martin Göppert (parteilos, 139 Stimmen) durchgesetzt. 1942 Stimmbürgerinnen und Stimmbürger haben gewählt, die Wahlbeteiligung lag bei 49,92 Prozent. An der Bekanntmachung der Wahlresultate vom Sonntag zeigt sich Schläppi überrascht, aber freudig. «Ich habe mit einem zweiten Wahlgang gerechnet. Es war schwierig abzuschätzen, weil wir zum einen drei Kandidaten waren und man zum anderen das absolute Mehr plus eine Stimme benötigt.» Sie habe eine «Riesenfreude» an der Zusammensetzung des Gemeinderates, denn die Alterszusammensetzung sei eine gute Mischung, um zusammen die nächsten vier Jahre anzugehen. Mit Schläppi sind erstmals in allen drei Gemeinden im Saanenland Frauen im Präsidium. «Ich mache eigentlich nicht direkte Frauenpolitik. Aber die Tatsache, dass nun solch eine Frauenpower vorherrscht, tut dem Saanenland sicher gut.» Es sei für sie zudem eine grosse Ehre, als erste Frau das Präsidium in Saanen bekleiden zu dürfen. «Es ist schon etwas Spezielles!»
Bei der Präsentation der Wahlresultate im Landhaus Saanen, die Markus Iseli präsentierte, ergriff auch Martin Göppert das Wort und überreichte dabei eine verzierte Mistgabel an Petra Schläppi. Sie erinnern sich vielleicht: Am Wahlpodium vom 14. Oktober (AvS vom 18. Oktober 2024) stellte Moderator Frank Müller die Frage, ob man sich in Bern in Bezug auf amtliche Werte oder den Finanzausgleich mehr zur Wehr setzen müsste, wobei Petra Schläppi antwortete mit: «Ich hab schon gedacht, man sollte vielleicht einmal mit der Mistgabel nach Bern fahren, um uns da stark zu machen. Auch wenn es nicht viel nützt!» Er gratulierte seiner Kontrahentin und meinte: «Du hast es im ersten Wahlgang geschafft. Mir ist vorgeworfen worden, ich mache alles kompliziert. Aber die Gemeinde hat nun glaube ich 30’000 oder 50’000 Franken gespart.» Im Gespräch mit dieser Zeitung gab er an, «absolut keine Erwartungen» an die Wahl gehabt zu haben. «Man konnte es nicht wissen, denn es gab ja keine Voranfragen», so Göppert. Das Resultat sei nun eindeutig und er nehme spannende Erfahrungen aus dieser Zeit mit, die er vielleicht auf seiner Homepage oder sogar in Form eines Buches teilen werde.
Auch David Schmid freut sich für seine Amtskollegin. «Ich habe das Gefühl, es war ein fairer und professioneller Wahlkampf. Ich mag es Petra mehr als gönnen und es ist schön, dass sie es geschafft hat, denn es war ein klares Wahlresultat.» Er sei überhaupt nicht traurig oder enttäuscht, vielmehr sei das gesamte Wahlergebnis für die FDP ein voller Erfolg und es sei schön, dass ein FDP-Mitglied die Gemeindeversammlung präsidieren werde (siehe «Neues Präsidium für die Gemeindeversammlung»).
Gemeinderat: bekannte und neue Gesichter
Im neunköpfigen Gemeinderat, der nun für die Amtszeit von 2025 bis 2029 amten wird, gewinnt die FDP auf Kosten der SVP einen Sitz. Die neue «Zauberformel» in Saanen lautet somit neu: fünf Sitze für die SVP, drei Sitze für die FDP und einen für die GLP.
Neben Petra Schläppi als Gemeindepräsidentin, sind folgende bisherigen Gemeinderäte wiedergewählt worden: Nathanael Perreten (SVP, 1420 Stimmen), David Schmid (FDP, 1230), Klaus Romang (SVP, 1135), Martin Hefti (SVP, 1133) und Patricia Matti (SVP, 1026). Die Wiederwahl nicht geschafft hat Thomas Frei (FDP) mit 373 Stimmen. Er verspüre keinen Verdruss, im Gegenteil: Er freue sich über das tolle Resultat der FDP und über die Wahl von Elio von Grünigen, eines jungen Gemeinderats. «Er ist sackstark!» Die Zeit im Gemeinderat sei eine lehrreiche gewesen. «Es war spannend, zu gestalten und die politischen Prozesse begleiten zu dürfen. Die Gemeinde Saanen ist in einem guten Zustand. Zudem mochte ich die Diskussionen bei den Gemeinderatssitzungen und in den Kommissionen», erzählt Frei mit Blick auf seine Amtszeit.
Den Sprung in die Exekutive haben allerdings drei neue Politiker geschafft, dies Philippe Marmet (GLP, 758 Stimmen), Sigbert Feller (FDP, 623) und Elio von Grünigen (FDP, 646). Mit Jahrgang 1998 ist der studierte Architekt das jüngste Mitglied des neuen Gemeinderates. Als er am Mittag den Anruf erhalten habe, sei er etwas überrumpelt worden. Mit einem breiten Lächeln meint er: «Ich bin unglaublich überrascht, aber ich freue mich sehr, insbesondere etwas Neues zu lernen.» Was wird sein Vorteil sein, als jüngster Gemeinderat im Gremium zu sitzen? «Ich glaube, den jugendlichen Leichtsinn habe ich schon etwas behalten und der hilft mir auch, ungeniert Fragen zu stellen und Dinge zu hinterfragen.» Wie die Gemeinde Saanen mitteilt, haben die gewählten Kandidatinnen und Kandidaten anfangs Woche von der Verwaltungsdirektion die Wahlanzeige inklusive einer Frist von fünf Tagen erhalten, die Wahl gegebenenfalls abzulehnen. Die Ressortverteilung innerhalb des neu gewählten Gemeinderats erfolgt Anfang Januar 2025.
Gemeindepräsident Toni von Grünigen freut sich über die Wahl einer Frau an die Saaner Spitze wie auch über die zu erwartende Kontinuität durch die Wiederwahl fast aller Bisherigen. «Gerade in Zeiten schneller Veränderungen ist es wichtig, Angefangenes fortzuführen und gemeinsame Ziele weiter zu verfolgen. Ich wünsche dem künftigen Team viel Freude und Erfolg», wird er in der Medienmitteilung zitiert. Mit Bedauern nimmt der Gemeindepräsident davon Kenntnis, dass Gemeinderat Thomas Frei die Wiederwahl verpasst hat: «Thomas Frei hat sich mit grossem Engagement für die Gemeinde Saanen eingesetzt. Dafür möchte ich ihm an dieser Stelle herzlich danken.»
Neues Präsidium für die Gemeindeversammlung
Auch das Präsidium der Gemeindeversammlung wurde gewählt. So erhielt Hans Schär (FDP) 1124 Stimmen, Emanuel Raaflaub-Kohli (SVP) erhielt 686 Stimmen. Demnach wird Schär künftig die Gemeindeversammlungen leiten, als sein Vize amtet Christian Gafner (FDP), der in stiller Wahl bestätigt wurde.
Unter www.saanen.ch finden Sie alle Resultate der diesjährigen Wahlen.
Kommentar: Keine Selbstverständlichkeit
JOCELYNE PAGE
Die Saaner Exekutive ist gewählt. Das Ergebnis zeigt: Die Bevölkerung steht hinter der Politik der letzten vier Jahre, denn fast alle bisherigen Gemeinderäte haben ihren Sitz verteidigen können. Dies ist ein beachtlicher Vertrauensbeweis. Vertrauen scheint zu bestehen. Drei neue Politiker werden dieses Gremium nun komplementieren und wir werden sehen, welchen Stempel sie der Exekutive aufdrücken können.
Es ist auch eine historische Wahl, denn erstmals wird Saanen von einer Frau präsidiert. Noch bemerkenswerter: Im gesamten Saanenland gibt es jetzt ausschliesslich Gemeindepräsidentinnen. Eine Entwicklung, die für die Region spricht.
Ernüchternder ist jedoch die Wahlbeteiligung von rund 50 Prozent. Die Hälfte der Saanerinnen und Saaner haben sich nicht zehn Minuten Zeit genommen, um das Kuvert zu öffnen und ihre Stimme abzugeben. Die Gemeinde liefert alles pfannenfertig in den Briefkasten, man braucht nur noch einen Kugelschreiber, um die Liste zu vervollständigen oder einfach eine vorgedruckte Liste zu unterschreiben. Ist das zu viel verlangt?
In Saanen bot sich eine demokratische Chance, die andere Länder und Stimmvölker neidisch machen würde. Ja, sogar Schweizer Gemeinden, denn wer kann schon behaupten, für ein neunköpfiges Gremium die Auswahl aus 18 Kandidierenden zu haben? Vor zwei Wochen haben in meinem Heimatkanton Wallis alle Gemeinden gewählt und in mehreren gab es keine derartige Auswahl. In Ried-Brig beispielsweise haben sich sechs Kandidierende für die fünf zu besetzenden Sitze gemeldet.
Wir hingegen fanden eine Luxussituation vor, demokratisch und nach freiem Willen bisherige und neue Köpfe zu wählen, die unsere wunderschöne Region gestalten und Herausforderungen anpacken.
Wer täglich die Tagesschau schaut oder die Nachrichten verfolgt, der oder die weiss: Demokratie ist in der heutigen Zeit eine bedrohte Art und keine Selbstverständlichkeit mehr. Wir sollten sie deshalb mehr schätzen und unser Recht abzustimmen und zu wählen wahrnehmen, auch wenn es «nur» auf Gemeindeebene ist. Denn gerade die Basis muss stark sein, damit national eine gesunde Demokratie herrschen kann. Und eine funktionierende Demokratie bedeutet für uns: ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit.