Gemeindeinitiative SolSarine 2.0: Die Unterschriftensammlung läuft

  14.03.2024 Saanen

Bis am 24. März müssen im Minimum 400 Saaner Stimmbürgerinnen und Stimmbürger die Gemeindeinitiative unterschreiben, damit das redimensionierte Solargrossprojekt SolSarine 2.0 erneut vor die Gemeindeversammlung kommt. Die Frist läuft. Derweil trafen sich die Projektanten und die Trägerschaft, um Informationen auszutauschen. Ein Einblick.

JOCELNE PAGE
Alpine Solargrossanlagen sind im Saanenland wieder Thema: Nachdem die Saaner Gemeindeversammlung das erste SolSarine-Projekt vergangenen Dezember ablehnte, formierte sich eine Gruppe innerhalb der Bevölkerung, die dem Projekt nochmals eine Chance geben will und zwar als redimensionierte Version (wir haben berichtet). Redimensioniert bedeutet: 14 Hektare weniger an Solarpanels und keine gemeindeeigenen Gebiete mehr. Vergangene Woche trafen sich die Projektanten mit der neuen Trägerschaft, die sich gemeinsam für die neue Version stark machen.

Welche Funktionen haben die Trägerschaft und die Projektanten?

Bei der Neuauflage von SolSarine nehmen die Initianten des ersten Projektes die Rolle der Projektanten wahr: Sie stehen der aus Saaner Stimmbürgern formierten Trägerschaft mit Fachwissen zur Seite. Die Trägerschaft aus rund 30 Bürgerinnen und Bürgern wiederum lancierte die Gemeindeinitiative und ist für den politischen Prozess verantwortlich. Für sie sei der kürzliche gegenseitige Austausch deshalb sehr aufschlussreich gewesen, sagt Erich von Siebenthal, Co-Präsident des Initiativkomitees, auf Anfrage.

Wie sieht die Aktionärsstruktur aus?

Aktuell besteht ein Privataktionariat für das SolSarine-Projekt. Die Aktionäre sind Lorenz Furrer, Matthias In-Albon, Gary Fegel, Andrea Scherz und Dan A. Oechslin. «Keiner von uns hat die Mehrheit und dies soll auch so bleiben», erklärt Furrer auf Anfrage. Bei einer Realisierung des Projektes werde beispielsweise die Gemeinde auch Aktionärin, entsprechend gebe es Verschiebungen im Aktionariat.



Wollen sich die Investoren nur bereichern?

Beim ersten Projekt stand die Kritik im Raum, es herrsche eine «Goldgräberstimmung»: Die Saaner würden ihre idyllische Landschaft hergeben für die Bereicherung der Investoren. Wie stehen die Projektanten diesem Vorwurf gegenüber? Gemäss heutiger Planung und gerechnet mit der Strompreisentwicklung könne im optimalen Fall mit acht Prozent Rendite gerechnet werden. «Es ist in keiner Art und Weise möglich, dass sich jemand daran mehr bereichern kann als die Gemeinde selbst», antwortet Furrer. Indem niemand der Aktionäre die Mehrheit inne habe, werde jeder Investor – so auch die Gemeinde – prozentual gleich viel erhalten, sollte es jemals zu Dividendenausschüttungen kommen. Und dies betreffe auch Gary Fegel, der oftmals in Zusammenhang mit diesem Vorwurf stehe.

Fegel ist ehemaliger Leiter des Aluminiumgeschäfts beim Zuger Rohstoffhändler Glencore und heute ein finanzstarker Investor. Er beteiligt sich mit seiner Firma GMF Capital an verschiedenen Projekten, darunter auch an Sol-Sarine. «Ich investiere international in verschiedene Dinge, das ist ja kein Geheimnis. Und dass ein Projekt ökonomisch sinnvoll sein muss, ist wohl auch jedem klar, aber es gibt viel entscheidendere Kriterien, die mich zur Investition und auch zur Mitarbeit bei SolSarine bewegt haben», erzählt Fegel im Telefongespräch mit dieser Zeitung. Er wohne mit seiner Familie in Gstaad, schätze die Einheimischen und insbesondere die Region, der er gerne etwas zurückgeben möchte. Ihm sei die Gegend deshalb nicht fremd. «Ich engagiere mich bei SolSarine, weil es ein zukunftsträchtiges Projekt ist, welches die Region in eine nachhaltigere Zukunft führt. Wir können noch zehn oder 20 Jahre über die Rettung des Klimas und über grosse Theorien reden, aber am Ende sind es nur leere Worte. Wir müssen jetzt etwas unternehmen, das ökologisch und energietechnisch entscheidend ist», meint Fegel. Kein Projekt sei perfekt und die Solarpanels würden immer irgendwo sichtbar sein, aber am Ende müsse man sich entscheiden, ob man grünen Strom produzieren wolle oder nicht. «Ich finde es schade, dass ein Tourismusort wie Gstaad das Thema Nachhaltigkeit nicht mehr fördert, indem es nicht nur davon spricht, sondern auch Taten folgen lässt. Für die Umwelt und auch für die Region wäre dieser Schritt ein wichtiger Ansatz in eine nachhaltigere Zukunft.»


Schweissarbeiten auf dem Hornberg.

Ein weiterer Punkt, weshalb sich die Investoren nicht bereichern könnten, seien die Fördergelder des Bundes, die an gewisse Bedingungen geknüpft seien, so Furrer. Die Bundesgelder sind nur für ungedeckte Fixkosten gedacht. Einfach erklärt: Diese Kosten fallen Solaranlagenbetreibern aufgrund der Pflicht zur Sicherstellung der Grundversorgung an und diese deckt der Bund. «Sollte die Rentabilität zu hoch ausfallen, führt dies gemäss Artikel 71a des Energiegesetzes vom 30. September 2022 für Solaranlagen zu einer Kürzung der Fördergelder», erklärt Furrer. Auch in diesem Sinne sei eine Bereicherung nicht möglich.

Zudem sei das Geschäft mit Solarstrom an fixe Strompreise gebunden und demnach kein spekulatives Business wie beispielsweise bei Bitcoins. «Die Investitionen sind enorm hoch. Wir gehen davon aus, dass die Anlagen rentabel betrieben werden können. Aber wie, weiss im Moment niemand, auch weil es noch nirgends solche Anlagen gibt», so Furrer.

Das Finanzielle sei deshalb auch nicht das übergeordnete Ziel, der Mehrwert für die Gemeinde sei jedoch garantiert, so Erich von Siebenthal: Die Anlage werde viel CO2-neutralen Strom produzieren. «Sie trägt zur regionalen Versorgungssicherheit bei. Wir sind überzeugt, dass die Vorteile einer alpinen Solaranlage für unsere Gemeinde klar überwiegen und dass das nicht genügend bekannt war.»

Wieso wird das Projekt so kurz nach dem Nein an der Gemeindeversammlung wieder aufgegriffen?

Die Trägerschaft sei überzeugt, dass eine Mehrheit der Bevölkerung nicht gegen alpine Solaranlagen sei und sogar eher dem Projekt zustimme, wenn die Einwohnergemeinde eine wesentliche Beteiligung am Projekt habe, wie es die neue Vorlage vorsehen würde. Denn die Bevölkerung werde davon profitieren, so auch die Unternehmen, die sich am Projekt beteiligen möchten. Sollte die Zustimmung somit da sein und das Projekt werde realisiert, müsse das im Rahmen des bis 2025 befristeten Solarexpress passieren. «Kein Projekt kann ohne die 60 Prozent Subventionen vom Bund durch den Solarexpress realisiert werden. Wenn wir annehmen, dass wir für 8,5 Rappen pro Kilowattstunde Strom erzeugen würden, resultiert auf die Projektdauer von 25 Jahren ein Minus von 26 Millionen Franken», erklärt Projektant Lorenz Furrer. Die Bundesgelder seien deshalb mit ein Grund, weshalb das Projekt so kurz nach dem Nein an der Gemeindeversammlung wieder thematisiert werde, erklärt von Siebenthal.

Kann sich die Öffentlichkeit wieder finanziell beteiligen?

Ja, die Trägerschaft habe einstimmig beschlossen, das Beteiligungsprogramm wieder ins Leben zu rufen, erläutert von Siebenthal. «Dieses Mal sind es aber nicht nur 5000-Franken-Tickets, sondern eine Beteiligung von 1000 und 2500 Franken ist nun auch möglich.»


Vergangenen September besuchten Eingeladene die offizielle Eröffnung des Prototyps von SolSarine auf dem Hornberg. (Fotos: AvS, Sven Pieren & SolSarine)

Welche Lehren wurden aus dem ersten Projektentwurf gezogen?

Gemeinsam mit der Trägerschaft habe man ganz allgemein die Kritikpunkte aufgenommen und analysiert. «Wir haben aus dem ersten Projekt gelernt und versuchen die Schwachpunkte zu eliminieren. Darum soll sich die Gemeinde unbedingt und namhaft beteiligen, dies mit drei Millionen Franken, um 30 Prozent des Aktienkapitals zu erbringen», so Erich von Siebenthal. Und indem sich die Gemeinde Anteile an der AG sichere, habe sie volle Einsicht in die Finanzflüsse. Des Weiteren seien die zwei Flächen Gfell und Eige mit grösserer Einsichtbarkeit verkleinert worden. Ebenfalls neu: Es wurde eine fixe Dauer festgelegt, nach 30 Jahren sollen die alpinen Solaranlagen vollständig zurückgebaut werden, ausser die Gemeinde beschliesst per Volksentscheid eine weitere Betriebsphase.

Eine Neuerung wird auch die Mitwirkung sein. «Auf Anregung des Gewerbevereins Gstaad Saanenland wird eine Art Mitwirkungsverfahren organisiert, sollte die Initiative zustande kommen», erklärt von Siebenthal. Lokale Verbände und Vereine sollen an einen Tisch geholt werden, um die Bedürfnisse abzuholen und eine Sachdiskussion zu führen. Auch werde seitens Trägerschaft die Gemeindebevölkerung bei verschiedenen Veranstaltungen abgeholt. «Wir begrüssen jegliche Art des Dialogs. Das neue Projekt verstehen wir denn auch als Kompromisslösung, die auf kritische Punkte eingegangen ist.»


Laut Trägerschaft und Projektanten können die Solartische in 30 Jahren ohne grosse bauliche Massnahmen wieder entfernt werden.

«Der Strom wird hier produziert und fliesst direkt ins Unterland» hiess es an der vergangenen Gemeindeversammlung. Stimmt das?

«Das ist schon aus physikalischer Sicht nicht möglich», antwortet Furrer. Der Strom gehe den Weg des geringsten Widerstandes, was bedeute, dass 99 Prozent des Solarstroms vor Ort verbraucht werde.

Neu sollen die Solaranlagen nur auf privatem Land erstellt werden. Sind alle Eigentümer dabei?

Vor der Gemeindeversammlung des ersten SolSarine-Projekts meldeten sich Leser beim «Anzeiger von Saanen», dass nicht alle Privateigentümer mit dem Projekt einverstanden gewesen seien. Lorenz Furrer weist diesen Vorwurf zurück: «Wir hatten bereits in der ursprünglichen Version von allen Landeigentümern, bei denen Solarpanels platziert werden sollten, die Unterschrift. In der aktuellen Version sind alle Landeigentümer weiterhin mit dabei.»


Kritiker vermissen Akzeptanz von politischen Entscheiden


Aufbau des Prototypen.

Was sagen eigentlich die Personen, die sich beim ersten SolSarine-Projekt kritisch dazu geäussert haben? Sehen Sie eine Chance in einer redimensionierten Version? Wir haben nachgefragt.

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Wie bei jedem Geschäft, das an einer Gemeindeversammlung traktandiert ist, gibt es Befürworter und Kritiker. Einer dieser Kritiker war der Saaner Gemeinderat Martin Hefti. Als Gemeinderatsminderheitsvertreter empfahl er damals das Projekt zur Ablehnung (wir haben berichtet).

Kritiker sehen den Volkswillen unterwandert
Wie steht er zum Fakt, dass ein aus Bürgern bestehendes Initiativkomitee dem Projekt nochmals eine Chance geben will? «Grundsätzlich hat jede Bürgerin und jeder Bürger das Recht, eine Initiative zu starten. Persönlich bin ich allerdings der Meinung, dass bei diesem Thema der Volkswille zählt, denn die Gemeindeversammlung hat klar entschieden, keine Standortgemeinde für alpine Photovoltaik-Grossprojekte sein zu wollen», sagt Hefti auf Anfrage. Dass eine Initiative nun ergriffen worden sei, habe er deshalb nicht erwartet. «Es gilt nun abzuwarten, ob die Initiative zustande kommt.»

Auch Patric Seewer, Unternehmer aus Saanen, beurteilt die Situation gleich wie Hefti: «Ich finde es politisch schwach, das Thema wieder aufzunehmen. Mir scheint, als möchten die Initianten einen klaren Entscheid der Stimmbevölkerung kippen.» Irritiert sei er insbesondere von Erich von Siebenthal, der als ehemaliger Nationalrat mit 16 Jahren politischer Erfahrung über die Demokratie Bescheid wissen müsste. «Und gerade seine Partei, die SVP, steht landesweit dafür ein, dass Entscheide auch eins zu eins umgesetzt beziehungsweise akzeptiert werden sollen», so Seewer. Ihn beschäftigt zudem die regionale Entwicklung der politischen Diskussion, die sich auch bei der Spitaldebatte gezeigt habe: Das Stimmvolk entscheidet, eine Gruppierung reicht eine Abstimmungsbeschwerde beim Regierungsstatthalter ein. «Es geht nicht mehr um die Sache. Wo führt das hin, wenn wir jedes Mal einen Entscheid rückgängig machen wollen? Wir sollten wieder vermehrt die Demokratie leben lassen.»

«Geldanlage für milliardenschwere Investoren»
Auch beim redimensionierten Projekt ist Seewer immer noch skeptisch. «Sol-Sarine ist meiner Meinung nach eine Geldanlage für milliardenschwere Investoren, die sich daran bereichern wollen. Und dafür möchte ich unsere Landschaft nicht hergeben.» Er sei für erneuerbare Energien, möchte jedoch die Photovoltaikanlagen auf bestehender Infrastruktur sehen, beispielsweise auf grossen Bauernbetrieben und an Fassaden. «Bund und Kanton könnten mit Subventionen Anreize schaffen. Er finde es aber gut, dass der Gewerbeverein einen Mitwirkungsausschuss gefordert habe, damit ein öffentlicher Austausch stattfinde.»

Das Argument rund um den Solarexpress
«Unser politisches System hat es an sich, dass gewisse Entscheide und auch Umsetzungen länger dauern. Das ist Fluch und Segen gleichzeitig. In diesem Fall sehe ich es als eine Chance, dass wir dem ganzen Thema alpine Solargrossanlagen etwas mehr Zeit geben sollten. Ich finde deshalb, dass die Initiative ein Schnellschuss ist», äussert sich Michael Gehret auf Anfrage zum zweiten Anlauf von SolSarine. Für den Gsteiger Architekten und GLP-Mitglied zählt das Argument der winkenden Bundesgelder nicht. «Kurz nach dem im Dezember gefällten Entscheid an der Gemeindeversammlung stehen die Initianten hin und sagen, dass sie deshalb so schnell reagieren möchten, um auf den Solarexpress aufzusteigen. Ansonsten sei das Projekt finanziell nicht finanzierbar und zu teuer für den Steuerzahlenden. Aber am Ende zahlen wir ja sowieso, denn die Bundesgelder bestehen auch aus unseren Steuern.»

Wald statt Bergweiden nutzen
Anders als andere Kritiker ist Gehret jedoch nicht abgeneigt, alpine Solargrossanlagen im Saanenland zu installieren. Für ihn ist der Standort entscheidend. Sein Vorschlag: Waldflächen. «Aufgrund des Waldsterbens haben Bund und Kantone in den 1980er-Jahren entschieden, dass der Wald besonders schützenswert ist. Denn in der Gesellschaft hat sich das Verdikt festgesetzt: Wald speichert viel CO2, das ist gut für unsere Umwelt und wirkt dem Klimawandel entgegen.» Wissenschaftliche Studien, darunter auch Arbeiten des Alpenforschers und Kulturgeografen Werner Bätzing, hätten gezeigt, dass Bergweiden mehr CO2 speichern können und auch gut für die Biodiversität seien. «Wir könnten somit auf Kulturland als Standorte verzichten und einen Denkanstoss geben, die Solargrossanlagen auf Waldflächen zu realisieren. Vielleicht würden sich dann auch weniger Personen wegen der Einsichtbarkeit stören, denn die dunklen Panels würden zum Wald passen und sich ins Landschaftsbild einfügen», meint Gehret. Einer seiner weiteren Vorschläge ist die Prototypphase, der seiner Meinung nach mehr Gewicht beigemessen werden müsste. «Der Prototyp auf dem Hornberg ist zu klein, um genügend Informationen über die Auswirkungen auf Natur und Landschaft zu erhalten. Vielleicht sollte man zehn Prozent der geplanten Fläche einfach realisieren, um einen wirklichen Prototypen zu haben.»


Was sagen die Anspruchsgruppen zum zweiten Anlauf des SolSarine-Projekts?


Das neue Projekt soll als redimensionierte Version nochmals vor das Stimmvolk kommen.

Wir haben uns bei den verschiedenen Anspruchsgruppen in der Region orientiert, inwiefern sie zur Initiative stehen und welche Relevanz dieses Thema in ihrem Umfeld einnimmt.

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«Dass das SolSarine-Projekt wieder Thema wird, wurde bei uns im Vorstand kontrovers diskutiert», sagt Jonas Wanzenried, Präsident des Gewerbevereins Saanenland, auf Anfrage. Sie hätten beispielsweise über den Zeitpunkt gesprochen, ob es so kurz nach dem Nein an der Gemeindeversammlung sinnvoll sei, das Thema wieder aufzugreifen oder ob ein solches Projekt unter anderen als ein geschnürtes Paket aus dem kommunalen Energierichtplan zu einem späteren Zeitpunkt neu traktandiert werden sollte. «Tatsache ist, dass der Bund nur für eine begrenzte Zeit den Förderbeitrag von 60 Prozent in Aussicht stellt. Sollte die Initiative zustande kommen und die Stimmbürger eine Gemeindebeteiligung befürworten, kämen so die Bundesgelder auch dem Steuerzahlenden letztendlich zugute.»

Beitrag zur Sachdiskussion leisten
Der Vorstand des Gewerbevereins habe sich am Ende dafür entschieden, dass er sich an der Sachdiskussion zum Projekt beteiligt. In Absprache mit der Trägerschaft, die für das neue Projekt Sol-Sarine 2.0 zuständig sei, habe man sich entschieden, dass ein Mitwirkungsausschuss für die Verbände geschaffen werden soll, sollte die Initiative die nötigen Unterschriften erreichen. «Alle Interessen sollen somit an einem runden Tisch versammelt werden», erklärt Wanzenried. Gemäss Rückfrage ist der Hotelierverein Gstaad Saanenland mit dem Vorschlag des Gewerbevereins einverstanden.

Wanzenried ist auch als Privatperson bei der Trägerschaft aufgelistet. «Ich bin darin vertreten, weil es mich interessiert, ob die eingeleiteten wesentlichen Anpassungen am Projekt aus den Analysen zur vormaligen Ablehnung mehrheitsfähig werden können, und die Region damit einen bedürfnisgerechten Schritt Richtung erneuerbaren Energien machen kann.»

Tourismus ist für Solar, aber auch für Landschaftsschutz
Auch Gstaad Saanenland Tourismus sei im Rahmen eines Mitwirkungsverfahrens gerne bereit mitzuwirken und eine Mitwirkungseingabe zuhanden der Projektinitianten einzureichen, sofern die Initiative zustande komme, gibt Präsident Oliver Waser auf Anfrage an. Zum Thema alpine Solaranlagen nimmt der Tourismus folgende Position ein: «Die Energiegewinnung durch Sonnenenergie wird begrüsst. Aus Sicht Tourismus sind alpine Solaranlagen zu fördern, jedoch immer unter Berücksichtigung des für den Tourismus bedeutenden Landschaftsbildes und des Landschaftsschutzes. Neben alpiner Solaranlagen muss unbedingt auch der Ausbau der Solaranlagen auf Hausdächern gefördert werden.»

Bergbahnen hoffen auf tiefere Strompreise und touristischen Vorteil
Wie sieht es bei der Bergbahnen Destination Gstaad AG (BDG) aus? Verwaltungsratspräsident Jan Brand ist Teil der Trägerschaft, die das SolSarine-Projekt nochmals auf die politische Agenda gebracht hat. Er sei aus persönlichen und geschäftlichen Gründen mit an Bord, erzählt er auf Anfrage. «Wir stehen vor grossen Herausforderungen bei der Energie und haben es selber in der Hand, etwas dafür zu tun. Dass wir dafür auch Kompromisse eingehen müssen, ist naheliegend. Wir können aber die Verantwortung nicht immer auf andere abschieben», so Brand. Die massiv gestiegenen Energiekosten seien für eine Bergbahn eine grosse Herausforderung, die BDG könne diese Kosten nicht einfach auf den Gast abwälzen. Das Projekt habe aber nicht nur wirtschaftliche Vorteile, sondern auch ökologische. «Auch seitens des Images wäre es hervorragend. Es wäre eine starke Botschaft, wenn wir sagen könnten, dass der viele Strom, den wir als Bergbahn im Winter benötigen, grösstenteils in unmittelbarer Nähe mittels Sonnenergie erzeugt wird», sagt Brand.

Laut BDG bei einem eidgenössischen Ja im Vorteil
Sollte das Projekt zustande kommen, würde laut Brand ein Grossteil der Netzkosten im Gebiet Horneggli, Hornberg und Saanersloch wegfallen, da der Strom direkt aus dem Solarkraftwerk bezogen werden könnte. «Falls das Volk im Sommer bei den eidgenössischen Abstimmungen der Vorlage für eine sichere Stromversorgung zustimmt, sagt es somit auch Ja zur Einführung von lokalen Elektrizitätsgemeinschaften. Dabei könnten auch alle anderen Bahnanlagen in der Gemeinde auf der Netzebene 5 mit Netzkostenersparnissen bis zu 60 Prozent rechnen», erklärt Brand. In sogenannten lokalen Elektrizitätsgemeinschaften (LEG) können Endverbraucher, Erzeuger von Elektrizität aus erneuerbaren Energien und Speicherbetreiber sich zusammenschliessen und die selbst erzeugte Elektrizität innerhalb dieser Gemeinschaft absetzen. Voraussetzungen dafür sind insbesondere das gleiche Netzgebiet, die gleiche Netzebene sowie eine örtliche Nähe. Das Parlament hat hier die Ausdehnung auf maximal das Gebiet einer Gemeinde begrenzt. «Somit sind Netzkostenersparnisse bis zu einer Million Franken pro Jahr möglich. Den neuen Speichersee könnte man mit günstiger Sonnenenergie jeweils über die Mittagsspitzenproduktion während des Sommers kostengünstig füllen», erläutert der Verwaltungsratspräsident.

Sicherlich seien die Solaranlagen ein Eingriff in die Natur und das Landschaftsbild. Aber wir würden die Landschaft durch die landwirtschaftliche Bewirtschaftung, die Alpstrassen, die Bahnen oder die Skipisten bereits seit jeher prägen und verändern.

Die Bergbahnen und der Geschäftsführer
Seit der ersten Stunde ist Matthias In-Albon, Geschäftsführer der BDG, beim SolSarine-Projekt dabei. Auf die Frage, welche Rolle In-Albon nun beim zweiten Projekt und in Bezug auf die Bergbahnen einnehme, antwortet Jan Brand: «Er ist und bleibt als Privatperson Co-Initiant des Projektes und ist Mitgründer der Projektentwicklungsgesellschaft.» Er sei im Herbst 2022 zum Verwaltungsrat gekommen und habe von der Option beziehungsweise Idee einer alpinen Solaranlage erzählt. Der Verwaltungsrat habe sich gegen eine Projektentwicklung innerhalb der BDG aufgrund der begrenzten wirtschaftlichen Möglichkeiten entschieden. Er habe ihn ermutigt, im privaten Rahmen mit möglichen anderen Partnern das Projekt weiterzuverfolgen, da dies schlussendlich auch der BDG zugutekomme. «Das aktuelle Projekt ist kein neues Projekt, sondern ist ein angepasstes Projekt. Er hat persönlich viel Herzblut und Freizeit in das Projekt eingebracht, damit es überhaupt so weit kam. Er wird mit seinem Wissen und Kontakten das Projekt weiter unterstützen», so Brand.

Auch Landwirtschaft mit Strompreisen konfrontiert
Wie bei den Bergbahnen ist auch bei der Landwirtschaftlichen Vereinigung (LSV) Saanenland der Strompreis ein relevantes Kriterium. «Für die Landwirtschaft ist wie für Gewerbebetriebe der Strompreis von Bedeutung bei den Betriebskosten, daher ist eine gewisse Unabhängigkeit der Schweiz in der Produktion für die Landwirtschaft wünschenswert. Zudem können die betroffenen Alpbetriebe sicher durch die vorgesehenen Landentschädigungen nötige Investitionen finanzieren», sagt Präsident David Perreten auf Anfrage. Bei der Landwirtschaft seien die grössten Bedenken beim Landschaftsbild und bei den Auswirkungen auf die Bewirtschaftung der betroffenen Flächen. Zum letzteren Thema meint Perreten: «Ich persönlich finde diese Diskussion müssig, da wir seit langem Auswirkungen auf die Bewirtschaftung durch touristische Infrastrukturen wie beschneite Pisten kennen und gegen Entschädigungen tolerieren. Ich gehe von geringen Auswirkungen auf die Bewirtschaftung aus, welche durch die Landentschädigungen sicher ausreichend ausgeglichen werden.»


Viele Interessen, Bedürfnisse und Forderungen vereinen sich rund um die Diskussion von Solargrossanlagen.

Die Interessen der Bewirtschafter vertreten
An der nächsten Vorstandssitzung wolle die LSV über ihre Rolle beim Mitwirkungsausschuss diskutieren, so Perreten. «Beim ersten Projekt haben wir unsere Rolle in der Vertretung der Interessen der Bewirtschafter gesehen, um sicherzustellen, dass die Entschädigungen der Bewirtschaftung und der Infrastruktur zugute kommt und nicht in der Kasse der Eigentümer verschwindet. Ich sehe die Rolle der LVS immer noch so, wobei eine Beteiligung der Gemeinde Saanen sicher der Transparenz und dem Vertrauen in das Projekt dient.»

Perreten hofft zudem auf eine sachgerechtere Diskussion, im Vergleich zum ersten Projekt. So hätten sie im Vorfeld der Abstimmung zum ersten SolSarine-Projekt die Mitglieder zu einem Informationsanlass eingeladen, wo sehr wenig Kritik laut wurde. «Dadurch war ich etwas überrascht von den teils sehr klaren Gegenstimmen zum Projekt, welche an der Versammlung auch aus landwirtschaftlichen Kreisen kamen. Hier hoffe ich diesmal, dass sich unsere Mitglieder wirklich seriös informieren und sich eine faktenbasierte Meinung bilden, bevor sie abstimmen.» Perreten ist persönlich auch im Initiativkomitee vertreten, weil «Nachhaltigkeit als Tat und nicht nur als Marketingslogan» sei ihm ein grosses Anliegen. «Ich bin der Meinung, dass unsere Destination durch den hohen Ressourcenverbrauch durch den Tourismus eine hohe Verantwortung hat, ihren ökologischen Fussabdruck zu verkleinern.» Erneuerbare Energien könnten da einen grossen Beitrag leisten. «Mir gefällt besonders die totale Rückbaubarkeit der Anlagen. Ich bin überzeugt, dass es bis in 30 Jahren bessere Lösungen zur Energieproduktion geben wird, derzeit ist aber das Projekt alternativlos und dringend notwendig, um unsere Region für die Zukunft zu rüsten und die Ziele des Energierichtplans der Gemeinde Sannen zu erreichen», sagt Perreten.


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