Nach Crans-Montana: Wie gut ist das Saanenland vorbereitet?
05.01.2026 GesellschaftDie Brandkatastrophe in Crans-Montana hat landesweit Fragen zur Sicherheit in Bars, Clubs und Hotels aufgeworfen. Wie ist der Brandschutz im Saanenland organisiert, wer trägt welche Verantwortung – und wie gut sind Behörden, Feuerwehr und Betriebe auf den Ernstfall ...
Die Brandkatastrophe in Crans-Montana hat landesweit Fragen zur Sicherheit in Bars, Clubs und Hotels aufgeworfen. Wie ist der Brandschutz im Saanenland organisiert, wer trägt welche Verantwortung – und wie gut sind Behörden, Feuerwehr und Betriebe auf den Ernstfall vorbereitet? Eine Einordnung.
SONJA WOLF/JONATHAN SCHOPFER
Die Anteilnahme nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana (siehe Kasten) war gross, auch hier im Saanenland. Kurzfristig sagte das Hotel The Alpina Gstaad das traditionelle Neujahrsfeuerwerk ab, «aus Respekt gegenüber den Opfern und deren Angehörigen», wie Nadine Friedli, General Manager des Hotels, auf Anfrage schreibt. In einer Whatsappgruppe, welche hauptsächlich Gäste des Saanenlandes verbindet, boten Menschen Wohnmöglichkeiten in der Nähe der deutschen und belgischen Krankenhäuser an, wohin einige der schwer verletzten Kinder verlegt wurden, damit die Eltern in ihrer Nähe bleiben können. Auch Blutspenden wurden spontan angeboten.
Könnte sich ein solches Ereignis auch im Saanenland ereignen?
Die Frage stellt sich unweigerlich. Ein Blick auf die geltenden Brandschutzvorschriften, die Einsatzbereitschaft der Feuerwehr und die Sicherheitskonzepte der hiesigen Betriebe zeigt, wie das Saanenland organisatorisch und praktisch auf einen Ernstfall vorbereitet ist.
WAS IST IN DER SILVESTERNACHT IN CRANS- MONTANA PASSIERT?
(Stand 5.1.2026, 17 Uhr)
In der Neujahrsnacht kam es in der Bar «Le Constellation» in Crans-Montana zu einer Brandkatastrophe. Dabei kamen 40 Menschen ums Leben. Alle Todesopfer wurden bis 4. Januar identifiziert.
Gemäss einer Medienmitteilung der Kantonspolizei Wallis wurden 116 Personen verletzt. Per 5. Januar konnten alle Verletzten identifiziert werden, 83 von ihnen waren zu diesem Zeitpunkt noch hospitalisiert. Wie der «Walliser Bote» berichtet, standen am Tag des Brandes 150 Einsatzkräfte, 13 Helikopter und 40 Ambulanzen im Einsatz.
Laut der Kantonspolizei Wallis deuten die bisherigen Ermittlungen darauf hin, dass der Brand im Zusammenhang mit der Verwendung sogenannter pyrotechnischer Fontänen ausgebrochen ist. Dabei handelt es sich um funken- und flammenerzeugende Hülsen.
JSC
ERMES ELSENER, VIZEPRÄSIDENT HOTELIERVEREIN GSTAAD-SAANENLAND, IM INTERVIEW
Ein Weckruf für die Branche
In der Silvesternacht wurde auch in den Bars, Gaststätten und Hotels des Saanenlandes ausgelassen gefeiert. Können sich Gäste und Einheimische in den Lokalen des Saaner Nachtlebens sicher fühlen?
SONJA WOLF
Wenn ein Gast nach den tragischen Ereignissen in Crans-Montana in einer Hotelbar im Saanenland fragt: «Bin ich bei euch sicher?» – was würden Sie als Vertreter der Hotellerie antworten?
Zu 100 Prozent! Es gibt kein Hotel, das nicht den Standards entspricht. Alle haben die neuesten Brandschutzmelder. Die Betriebsbewilligung würde entzogen werden, wenn das Hotel nicht auf dem neusten Stand wäre.
Gibt es regelmässige Kontrollen?
Ja. Die Brandschutzsysteme müssen 24/7 in Betrieb sein und werden jährlich überprüft. Als ich noch im Hotel Olden war, gab es diese Kontrollen und auch im Hotel Valrose im Kanton Waadt, wo ich nun tätig bin. Der Kanton Waadt ist übrigens auch sehr streng. Man darf eine Brandschutzanlage bei Reparaturarbeiten oder ähnlichem höchstens für 24 Stunden ausschalten, sonst wird man abgemahnt.
Die Gastronomie kämpft mit Personalmangel und hoher Fluktuation. Wie stellen die Betriebe sicher, dass auch der neue Saisonmitarbeiter, der erst seit drei Tagen da ist, im Notfall weiss, wie er die Gäste aus einer verrauchten Bar führt?
Jeder Betrieb führt eigene Mitarbeiterschulungen durch. Der Mitarbeitende bekommt auch die Sammelstellen und Feuerschutzanlagen gezeigt.
Fördert der Hotelierverein auch gemeinsame Brandschutz-Übungen für das Personal im Saanenland?
Ja, wir bieten von yourgstaad aus auch öffentlich zugängliche Schulungen für alle Interessierten an. Neue Schulungen sind – unabhängig von den Ereignissen in Crans-Montana – schon auf unserer Agenda.
In Bars wird ja auch gefeiert und getrunken. Werden Mitarbeitende speziell darauf geschult, wie sie mit Gästen umgehen, die im Ernstfall vielleicht nicht mehr rational reagieren oder Warnhinweise ignorieren?
Nein, das nicht. Aber die grösseren Hotels haben Security Personal, das speziell dafür ausgebildet ist.
Möchten Sie Ihren Kollegen einen persönlichen Appell für die kommende Hochsaison mit auf den Weg geben, damit das Thema Sicherheit auch im grössten Trubel nicht vergessen wird?
Crans-Montana war sicher ein Weckruf, die eigenen Sicherheitskonzepte noch einmal zu überdenken. Ich denke, Pyrotechnik hat in geschlossenen Räumen nichts zu suchen – weg damit!
FAHNEN AUF HALBMAST
Andrea Scherz, Besitzer des Gstaad Palace, zu dem auch der berühmte Nachtclub «GreenGo Club» gehört, zeigt sich von den Ereignissen in Crans-Montana zutiefst betroffen. «Ich hatte deswegen eine schlaflose Nacht», sagt er.
Aufgrund der Ereignisse habe man das Sicherheitskonzept nochmals überprüft, ohne dass sich Anpassungsbedarf ergeben habe. Wunderkerzen habe man bereits vor einem Jahr aus dem Betrieb genommen. Am Freitag werden die Fahnen des Gstaad Palace auf Halbmast gesetzt.
JSC
Was beim Brandschutz zählt – und wer dafür verantwortlich ist
In öffentlichen Gebäuden oder solchen mit grossen Personenansammlungen wie Kinos, Hotels, Spitälern oder Einkaufszentren sind die Brandschutzexperten der Gebäudeversicherung Bern (GVB) für den Vollzug des präventiven Brandschutzes zuständig. Sie prüfen und kontrollieren die Einhaltung der schweizerisch gültigen Brandschutzrichtlinien bei Bauprojekten.
SONJA WOLF
Schweizweit gelten die gleichen Brandschutzvorschriften aus dem Jahr 2015, bestätigt die Medienstelle der GVB auf Nachfrage. Für 2026 ist übrigens eine Totalrevision der schweizerischen Brandschtzvorschriften vorgesehen. Diese Brandschutzrichtlinien sind zwar schweizweit verbindlich, aber im Kanton Wallis gibt es keine kantonale Gebäudeversicherung und – im Gegensatz zum Kanton Bern – auch kein Versicherungsobligatorium für Gebäude.
Das bedeutet: Die Regeln sind in der Schweiz zwar überall gleich – im Kanton Bern werden sie jedoch konsequenter durchgesetzt. Da die GVB Versicherung und Kontrolle vereint, ist die Überwachung also bei uns im Saanenland engmaschiger als in Kantonen mit privaten Versicherungssystemen wie dem Wallis. Dazu relativiert die GVB jedoch: «Wir kontrollieren in Zusammenhang eines Baugesuchs als Fachstelle die Einhaltung der Brandschutzvorschriften (baulich, technisch und organisatorisch). Die Verantwortung liegt aber bei der Betreiberschaft und/oder Eigentümerschaft.»
Worauf müssen Bar- und Clubbetreiber beim Brandschutz achten?
Hauptsächlich gehe es um die Einhaltung der maximal zulässigen Personenbelegung, Freihalten von Fluchtwegen, Kennzeichnung der Fluchtwege, Bereitstellen der Löschgeräte, Schulung des Personals, Verhalten im Brandfall, so die GVB – aber: «Diese Aufzählung ist nicht abschliessend.» Dabei wird die maximale Personenbelegung gemäss der Brandschutzvorschriften aufgrund der Anzahl Ausgänge und Durchgangsbreiten definiert.
Historische Bauten: Wann wird die Nachrüstung Pflicht?
Im Saanenland befinden sich viele Bars und Hotels in Altbauten. Müssen diese nun alle sofort technisch hochgerüstet werden? Laut GVB gilt bei historischen Gebäuden grundsätzlich Bestandsschutz. Ob und in welchem Umfang nachgerüstet werden muss, wird im Einzelfall geprüft – etwa bei Kontrollen oder wenn ein Umbau geplant ist. Können bauliche Vorgaben (wie dicke Brandschutztüren) aus Platz- oder Denkmalschutzgründen nicht umgesetzt werden, dient oft Technik als Kompensation: Eine automatische Brandmeldeanlage zum Beispiel erkennt Brände frühzeitig und ermöglicht so eine sichere Evakuation. Klar ist aber: Solche Anlagen sind kein automatisches Muss. Auch bei Neubauten hängt ihr Einsatz immer von der Art des Gebäudes und dem Risiko der Nutzung ab.
Wie oft finden die Kontrollen im Saanenland statt?
Dazu die GVB generell zur Kontrollhäufigkeit im Kanton Bern: «Bei der Eröffnung eines Clubs wird die Fachstelle Brandschutz ins Baubewilligungsverfahren einbezogen, indem wir die Einhaltung der Brandschutzvorschriften prüfen und einen Fachbericht zuhanden der Leitbehörde schreiben. Danach kontrollieren wir aufgrund der gültigen Gesetze in Abständen von fünf bis zehn Jahren in bestehenden Betrieben deren Einhaltung.»
Was sind die häufigsten Schwachstellen in Bars oder Clubs?
Meistens handelt es sich um verstellte Fluchtwege oder brennbare Gegenstände in Fluchtwegen, schlecht gewartete oder fehlende Fluchtwegsignalisation, schlecht gewartete Feuerlöscher oder ein fehlendes Bewusstsein für eine Brandfallorganisation.
Wie geht die GVB mit dem «Gstaader Chalet-Stil» um?
Im Inneren der Bars im Saanenland ist besonders viel Altholz verbaut. Spezielle Auflagen wie zum Beispiel eine obligatorische Sprinkleranlage, die über die normalen Schweizer Normen hinausgeht, gibt es aber nicht. Dazu die GVB: «Es gibt keine spezielle Regelung. Wir halten uns an die Brandschutzvorschriften. Holz gehört der Brandverhaltensgruppe RF3 an (RF von frz. Reaction au Feu) und ist somit ein zulässiger Baustoff.» Die Skala geht von RF1 (kein Brandbeitrag) bis RF4 (unzulässiger Brandbeitrag).
BEAT GOBELI, KOMMANDANT DER FEUERWEHR SAANEN, IM INTERVIEW
Feuerwehr Saanen: Vorbereitung auf den Ernstfall
Die Brandkatastrophe in Crans-Montana hat aufgerüttelt. Wäre die hiesige Feuerwehr bereit für einen solchen Fall?
SONJA WOLF
Gab es im Saanenland schon einmal einen Brand in einer Bar oder einer Gaststätte?
Solange ich hier dabei bin, also seit 15 Jahren: nein.
Während der Hochsaison, zum Beispiel über Weihnachten/Neujahr oder während des Tennis-Turniers, ist die Personendichte im Dorf extrem hoch. Passt die Feuerwehr Saanen ihre Bereitschaft oder ihre Einsatzplanung für diese Spitzenzeiten spezifisch an?
Die Gemeinde Saanen verfügt über die höchste Bereitschaftsstufe der Milizfeuerwehr. Entsprechend ist man auch für Grossereignisse gewappnet. Sollte ein Ereignis die bestehende Kapazität übersteigen, kämen weitere Feuerwehren aus den Nachbargemeinden zur Unterstützung.
Das Saanenland lebt von seinen charmanten, oft verwinkelten Gebäuden und Kellern. Wie gut kennen Ihre Trupps die «Unterwelt» der lokalen Bars und Clubs in Gstaad und Saanen? Gibt es regelmässige Begehungen?
Ja, zum einen finden regelmässig Begehungen der öffentlichen Gebäude statt, und zum anderen sind wir auch gerade dabei, die öffentlich zugänglichen Gebäude des Saanelandes digital zu erfassen.
Was genau erfassen Sie da?
Die Brandmeldeanlagen und deren Zugänge, die Ausgänge, Notausgänge und die verantwortlichen Ansprechpersonen der jeweiligen Gebäude. Bei Bars und Gaststätten zum Beispiel die Betreiber.
Gibt es auch oft Fehlalarme?
Ja, das kommt immer wieder vor. Oft wird eine Brandmeldeanlage beim Kochen oder durch ein Spa ausgelöst. Aber wir rücken natürlich bei jedem Alarm sofort aus.
Spezifikum Saanenland: Wir leben hier in einer Holzbauregion. Wie beeinflusst der hohe Anteil an Altholz in der Innenausstattung lokaler Bars Ihre Taktik bei der Brandbekämpfung im Vergleich zu Betonbauten im Unterland?
Holz ist nicht in jedem Fall schlechter als andere Materialien, oft sogar besser kalkulierbar. Neue Konstruktionen haben sogar speziell belegte Brandschutzabschnitte. Ein Problem besteht eher bei älteren Gebäuden.
Wenn in einer belebten Bar ein Brand ausbricht, herrscht erst einmal Chaos. Wie gehen Sie als Feuerwehr vor?
Die erste Priorität ist die eigene Sicherheit der Einsatzkräfte, wir wollen die Opferzahlen schliesslich nicht noch erhöhen. Eine weitere Priorität ist die Rettung der Gäste und die Bergung der Opfer. Als letztes kommt das Löschen des Brandes. Die Abfolge der Schritte und wer was macht, wird vor Ort eingeteilt. Wenn genügend Einsatzkräfte vor Ort sind, kann die Evakuierung der Personen und das Löschen auch parallel stattfinden.
Stossen Sie bei Einsätzen oder Übungen im Dorf auf Missstände wie verstellte Notausgänge oder als Lager zweckentfremdete Treppenhäuser?
Ja, das kommt vor. Wir machen die Betreiber dann auch darauf aufmerksam oder machen auch mal eine Meldung an die GVB. Aber prinzipiell liegt das nicht in unserer Kompetenz. Die GVB führt regelmässige Kontrollen durch.
Wie trainieren Sie Ihre Einsatzkräfte?
Wir führen regelmässig übers Jahr verteilt immer wieder Übungen durch, mindestens zehn pro Person. Jede Person hat ihren eigenen Trainingsplan.
Wie kann sich das Service- oder Türpersonal einer Bar oder Gaststätte im Ernstfall richtig verhalten?
Das Wichtigste für uns ist die Information, die uns das Servicepersonal bei unserer Ankunft liefern kann: So erfahren wir – parallel zu unserem digitalen Einsatzplan, der uns bereits über die Zugänge Auskunft gibt – wie viele Menschen aktuell anwesend sind. Selbstverständlich kann das Servicepersonal auch bereits Personen zum Treffpunkt oder den Ausgängen bringen.
Was sollten Gäste über die Sicherheit in Bars wissen?
Auch Gäste tragen eine Eigenverantwortung. Es wäre zum Beispiel sehr nützlich, wenn sich jeder Gast beim Betreten der Bar oder Gaststätte kurz mit der Lage der Ausgänge und Notausgänge vertraut macht.
Die Feuerwehr Saanen ist eine Milizorganisation. Wie gehen Ihre Leute mit der psychischen Belastung um, wenn sie wissen, dass sie im Ernstfall Freunde oder Bekannte aus einem brennenden Club retten müssen?
Wir sind uns alle dieser Problematik bewusst. Ausserdem ist das Feuerwehrinspektorat an die GVB angegliedert, die uns unterstützen kann: Bei schwierigen Einsätzen mit Toten und Schwerverletzten könnten wir von der GVB Careteams zur psychologischen Unterstützung anfordern. Dies ist bisher aber noch nicht nötig gewesen.
Hat dieses spezifische Ereignis in Crans Montana dazu geführt, dass Sie intern im Kommando gewisse Einsatzszenarien für die hiesige Gastronomie neu diskutieren werden?
Es ist zu früh aus den aktuellen Geschehnissen allfällige Massnahmen abzuleiten. Wir werden dies aber mit den entsprechenden Fachbereichen anschauen, ob allenfalls noch Handlungsbedarf besteht.
FEUERWEHR SAANEN
Die Feuerwehr Saanen verfügt über einen Bestand von 80 Frauen und Männern, die über das ganze Gemeindegebiet verteilt Feuerwehrdienst leisten. Überall dort, wo Menschen Hilfe brauchen, kommen die Angehörigen der Feuerwehr zum Einsatz: Sie löschen Brände, rücken bei Elementarereignissen aus, retten Personen und Tiere und kümmern sich unter anderem auch um ausgelaufenes Öl auf Baustellen oder bei Verkehrsunfällen.
Die Pikettgruppe 1 und die Pikettgruppe 2 sind im Feuerwehrmagazin Gstaad stationiert. Die Pikettgruppe 3 rückt vom Feuerwehrmagazin Schönried aus. So können die Pikettgruppen im Ernstfall unabhängig voneinander aufgeboten werden.
PD/SWO


